Ahnungslos, dann der Schock

Der 19.05.2015 war ein normaler Tag wie jeder andere Tag auch, aber auch wieder nicht. Dieser Tag wird mir immer in Erinnerung bleiben, weil ich mich auf das Schlimmste vorbereitet habe.

Am Vormittag war ich kurz in der Küche und da habe ich nicht gesehen, das mein Telefon läutet, da es im Wohnzimmer lag. Als ich auf mein Handy geschaut habe, hatte ich zwei Anrufe in Abwesenheit von einer Nummer, die mir nicht bekannt war. Die zweite Nummer war vom KV. In dem Augenblick habe ich mir gedacht, was möchte der schon wieder. Also hab ich zurück gerufen. Es wurde abgehoben und ich hab gesagt “Hallo … du hast ….”, als sich auf einmal eine Frauenstimme gemeldet hat und ich meinte, wer sie denn ist. Es war seine F. Sie meinte, sie wollte es mir nicht per SMS schreiben, sondern persönlich am Telefon sagen. Ich habe gesagt: “Was ist denn passiert?” F. begann dann zu erzählen, das der KV in der Nacht ins Spital eingeliefert worden ist. (Ich erzähle euch gleich die richtige Version, am Anfang stand sie unter Schock, das sie mir das nicht richtig erzählt hat.) Sie haben sich ins Bett gelegt, eben um schlafen zu gehen und haben noch erzählt. Normalerweiße ist sie die Erste, die einschläft, aber nicht an diesem Abend. Sie hat mitbekommen, wie der KV immer leiser wurde und dann nichts gesagt hat. Sie hörte, wie der KV gebrochen und schwer geatmet hat. Sie ist aufgesprungen und hat ihn sofort seitlich umgedreht das, das Erbrochene seitlich raus kann. Er wurde sofort ins Spital eingeliefert und wurde Notoperiert. Eingeliefert wurde er mit einem Aneurysma SAB (https://de.wikipedia.org/wiki/Subarachnoidalblutung). Ich sagte ihr, sie solle mich auf dem Laufenden halten, wenn sie so nett wäre. Als ich dann aufgelegt habe, bin ich wieder ins Wohnzimmer gegangen und habe mein Sohn angesehen. Ich bin dann mal kurz aufs Klo verschwunden, weil das zu viel war und hab kurz die Tränen fließen lassen. Mein erster Gedanke war, das schafft er nicht. Man merkt, wenn ein Mensch ein Kämpfer ist oder nicht. Leider war er keiner. Ab dem Zeitpunkt betete ich. Ein bisschen Hoffnung hatte ich noch.

Um 13:45 Uhr habe ich eine SMS erhalten:

OP soweit gut verlaufen, sie haben es verschließen können, er wird künstlich beatmet und muss noch im Tiefschlaf bleiben, morgen weitere Untersuchungen, da wird entschieden wie lange usw.

Am späteren Abend habe ich es meiner Mutter erzählt, als sie daheim war. Man hat ihr angesehen, dass sie ein bisschen unter Schock gestanden hat, weil mit so etwas rechnet man ja nicht. Ab da betete ich jeden Tag, das es positiv ausgeht. Aber insgeheim weißt du, das es nicht so sein wird. Was sagst du deinem Sohn?! Jeden Freitag war KV -Tag, jetzt auf einmal nicht mehr? Da kommen sehr viele Gedanken auf einmal und du musst trotzdem weiter machen.

Am 20.05.2015 hatte ich keine Meldung bekommen und war mir nicht sicher ob ich schreiben sollte, somit habe ich gewartet.

Am 21.05.2015 bekam ich wieder eine SMS:

Sie haben ihn vorige Nacht wieder operiert, weil der ein Schlauch zu wenig war und noch sehr viel Blut im Schädel ist und der Druck zu hoch, er hat jetzt 3 Schläuche und ist so weit wieder stabil.

Später am Abend die nächste SMS:

In der früh ging es ihm sehr schlecht, Nachmittag besser, er hat aber eine sehr schwere Entzündung und sie wissen nicht wo.

Ich habe F. dann kurz angerufen, um genaueres zu erfahren. Da hat sie mir dann die richtige Version geschildert und ich hab sie sozusagen ausgefragt, was er genau hat und so weiter.

Das zweite Mal haben sie ihn operieren müssen, so wie es oben steht, weil er einen Schlauch zu wenig hatte. Dort wo die Gehirnflüssigkeit runter rinnt, das war voll mit Blut.

Am 24.05.2015 habe ich nachgefragt, ob es etwas neues gibt. Die Antwort kam sofort:

leider nicht viel neues, mal besser, mal schlechter, er ist zwar meisten stabil, aber eher knapp an der Grenze, die Entzündungswerte sind zwar schon besser aber noch da, die nächsten Tage werden aber wieder kritischer, weil dann vielleicht Krämpfe dazukommen und sie noch nicht wissen ob sie diese behandeln können, weil er mit den Werten so an der Grenze ist, also wie bisher warten und hoffen …

dann ist noch gekommen:

ja genau … Subarachnoidalblutung heißt es, was er hatte und wurde mittels Coiling(http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Abteilung-fuer-Neuroradiologie/de/Was_ist_Neuroradiologie_/nrad_therapie/nrad_ther_coil/index.html) verschlossen.

Am 25.05.2015 waren wir eingeladen bei Freunden das die Kinder zusammen spielen können. Irgendwie hatte ich ein komisches Gefühl, keine Ahnung. Es war recht entspannend dort zu sein. So gegen 19:30 Uhr sind wir wieder gegangen. Auf dem Weg nach Hause habe ich eine Bekannte angerufen, die in Linz wohnt, und habe mit ihr geredet. Ich habe gesehen, dass meine Mutter rein ruft und wollte abheben aber leider war ich zu spät dran. Ich wollte sie zurückrufen. Ich schaute auf mein Display und habe nur gelesen:

KV ist gegen 19 Uhr, von uns gegangen…

Im ersten Moment hatte ich keine Gedanken. Vor dir geht dein Kind und schaut dich an mit großen Augen und du musst dich zusammenreißen, das es keine Angst bekommt oder was auch immer. Habe meine Mutter zurück gerufen und gesagt wir sind gleich da. Sie wollte mir nur sagen, dass sie schlafen geht und ob es uns eh gut geht. Meine Antwort war: ja, mhm. Und sie sagte, was ist los: Ich habe nur leise gesprochen und gesagt: KV ist gegangen … und sie meinte: Ich solle ruhig bleiben. Sie hatte uns schon kommen sehen vom Fenster aus. Ich hab aufgelegt und habe den Schalter umgelegt und war fröhlich. Als wir zu Hause waren, wollte mein Sohn gleich zu Oma gehen. Leider habe ich nicht gesehen, dass sie mir geschrieben hat, das sie 10 min braucht. Wir sind rein gegangen und sie hatte geweint. Ich bin dann rüber gegangen und hab den Tränen freien lauf gelassen. Ich habe mich schnell wieder zusammengerissen wegen meinem Kind. Mütter sind stark, sie schaffen alles oder nicht?

Das Begräbnis war dann am 12.06.2015 um 9:00 Uhr. 5 Tage vor meinem Geburtstag. Ich bin nicht hingegangen. Wie hätte ich das machen sollen? Mit meinem Sohn schon gar nicht, der hätte damit nichts anfangen können, der versteht das doch noch gar nicht mit 3 Jahren. Wenn die Zeit reif ist und er fragt direkt und ich merke, dass er es versteht, dann werde ich es ihm sagen. Da ich mich auch mit einer Kinder Psychologin in Verbindung gesetzt habe, um zu erfahren, was am besten wäre, meinte sie das ich nicht zu dem Begräbnis gehen sollte, da es mein Kind nicht verstehen würde.

Einige Tage später habe ich dann nachgefragt, an was er denn letztendlich wirklich gestorben wäre.

Die Antwort kam:

soweit ich weiß, ist der Hirndruck immer weiter gestiegen, er bekam schon das Maximum an Medikamenten dagegen, haben aber nicht mehr gewirkt, das CT hat gezeigt dass das Hirn schon so stark beeinträchtigt war, dass die Steuerung der Körperfunktionen (Blutdruck, Herzschlag,usw.) nicht mehr möglich war ohne Maschinen …

Er ist an Hirntod gestorben und das mit 35 Jahren. Im August wäre er 36 Jahre alt geworden. Mein Kind wird ohne Vater aufwachsen. So ist das Leben. Ob es gerecht ist? Nein, finde ich nicht und man kann nichts dagegen tun. Die Erinnerungen, die ich an den KV habe, kann ich meinem Kind erzählen. Bilder zeigen, die Gegenstände aufbewahren, die der KV mitgebracht hat oder gekauft hat für ihn. Das er wenigstens Andenken hat von seinem Vater, das kann ich machen.

Ruhe in Frieden und passe auf deinen Sohn von oben auf!

Es weht der Wind ein Blatt vom Baum,

von vielen Blättern eines.

Dies eine Blatt, man merkt es kaum,

denn eines ist ja keines.

Doch dieses eine Blatt allein

war Teil von unserem Leben,

drum wird dies ein Blatt allein

uns immer wieder fehlen.

Du wirst immer in unseren Herzen weiterleben.

XoXo Michi XoXo

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